Serie: 100 Jahre Langbeinmuseum

Das Bildhauermodell der Verkündigungsgruppe



Die Karmeliter waren 1635 nach hartem Ringen in ihr Hirschhorner Kloster endgültig zurückgekommen und konnten in den folgenden Jahrzehnten die wesentlichsten Einkünfte des Klosters zurückgewinnen, dieses reorganisieren und schließlich auch auf die alte Besetzung mit ca. 12 Priestern und 4-6 Laienbrüdern führen. Die Gegenreformation wurde durch sie vorangetrieben, die Klosterkirche war katholische Pfarrkirche geworden. Im 18. Jh. war die wirtschaftliche Situation des Klosters gefestigt, so dass es zu einer erneuten Blüte gelangen konnte. Ausdruck hierfür sind neben Renovationen und Umbaumaßnahmen an Kloster und Kirche auch die Sorge um deren Ausstattung - Mobiliar, Bibliothek, Kirchengerät, Paramente und Heiligenfiguren.Der Weg zur Klosterkirche am Berg war weitaus beschwerlicher, vor allem im Winter, als der zu der mitten in der Stadt liegenden Marktkirche, die mittlerweile als Speicher genutzt wurde. Nach wiederholten Eingaben erreichte die Gemeinde 1730 die landesherrliche Erlaubnis, diese wieder als Stadtkirche einzurichten. Die Protestschreiben der Karmeliter, die nochmals einen Baustopp durchsetzten, wurden zuletzt abgelehnt. Mit der Weihe der Marktkirche am 2.7.1732 verlor die Klosterkirche ihre Funktion als Pfarrkirche und wurde wieder zur Ordenskirche.Als Antwort auf diesen Prestigeverlust , so könnte man meinen, entschlossen sich die Karmeliter zu neuen Baumaßnahmen in der Klosterkirche und einer Verbesserung (und Modernisierung) ihrer Ausstattung. Als erstes wurde 1751 der bisherige Chor von der Kirche abgetrennt, dort ein Zwischenboden eingezogen und als zweite Sakristei und Raum für das Breviergebet genutzt. Der Hochaltar wurde vorverlegt, eine neue steinerne Kommunionsbank aufgestellt. Im Juli 1761 wurde mit der Errichtung eines neuen Hochaltars begonnen , der im September 1762 beendet wurde. 1765 wurde dieser nochmal um 2 weitere Figuren (St. Anna und St. Joachim) erweitert. Wie das mittelalterliche Fresko über dem Chortriumphbogen griff auch der Hochaltar das Programm der Kirche- die Verkündigung Mariae- auf. Mit ihm besaß die Klosterkirche wohl den prächtigsten Altar auch im weiteren Umkreis, hatte die Marktkirche damit in ihrer Ausstattung weit übertroffen und repräsentierte auch die wichtige Rolle ,die das Hirschhorner Kloster ( dem ja neben der Pfarrei Hirschhorn auch die Pfarreien Unterschönmattenwag, Mückenloch und Neckarsteinach unterstanden) für den Katholizismus im Neckartal besaß.

Rechnungen, Verhandlungsunterlagen oder Verträge zum Bau des Altars haben sich nicht erhalten. In der Klosterchronik wird der Bildhauer leider auch nicht namentlich genannt, es findet sich nur der Vermerk über einen "statuarius" aus Heidelberg. Hieraus und durch die stilistisch- künstlerischen Merkmale der Altarfiguren lässt sich aber auf Johann Michael Düchert (um 1724-1799) schließen, da zu dieser Zeit kein anderer nennenswerter Bildhauer von Bedeutung in Heidelberg tätig war.

Neben Entwurfzeichnungen und Rissen des zu schaffenden Altars wurden auch gerne Bildhauermodelle der wichtigsten Figuren oder sogar ein Altarmodell geschaffen. So konnte man dem Auftraggeber die zu erwartende Wirkung des neuen Altars verdeutlichen ,bzw. Vorschüsse oder sogar erst den Auftrag erhalten. Aus diesem Grund wurde zumindest von Düchert auch ein Bildhauermodell (Bozzetto) der Hauptgruppe - Maria mit dem Verkündigungsengel - geschaffen, das sich glücklicherweise erhalten hat. Es ist wahrscheinlich der einzige erhaltene Bozzetto von Dücherts Hand und somit eine besondere Kostbarkeit im Hirschhorner Langbeinmuseum. Wie die Figur der Maria zeigt ,weicht die spätere Ausführung nur gering vom vorgebenden Modell ab. Der Verkündigungsengel wird letztmals 1858 als in Stücke zerbrochen erwähnt, kurz danach muß er aus der Sakristei der Klosterkirche, wo die Figuren nach Niederlegung des Hochaltars (1840) aufbewahrt wurden , gekommen sein. Ein Teil des Engels soll nach örtlicher Überlieferung als Hackklotz noch eine Weile gedient haben. Anfang des 20. Jh. wurde sein Kopf in Hirschhorner Privatbesitz entdeckt und vom ortsansässigen Antiquitätenhändler Ludwig Ferner erworben, nach dem 2. Weltkrieg nach USA verkauft. Damit verliert sich dessen Spur. So erlaubt nur das kleine Bildhauermodell , sich eine Vorstellung vom Aussehen und der Haltung des Verkündigungs-engels zu machen, und ermöglicht die Rekonstruktion dieser vernichteten und verschollenen Hauptfigur des barocken Hochaltars der Klosterkirche.

Die Karmeliter waren mit der Arbeit Dücherts wohl zufrieden, denn er bekam weitere Aufträge.: in Neckarsteinach einen hl. Nepomuk (1762), eine Marienfigur für die Pfarrkirche (1787) sowie die Altäre der Pfarrkirche in Unterschönmattenwag (1789). Wahrscheinlich verblieb das Bildhauermodell der Verkündigungsgruppe beim Auftraggeber und wurde im Karmeliterkloster wohl auch noch nach dessen Auflösung einige Zeit aufbewahrt. Wie es in Privatbesitz kam - entwendet, verkauft oder als Andenken, ist nicht bekannt. Zuletzt kam es in Carl Langbeins Besitz. Ob er darum gebettelt hat, es für etwas Geld gekauft hat , es davor bewahrt hat, weggeworfen zu werden oder es bereits aus dem Brennholz gezogen hat, darüber schweigen die Quellen.


verkuendigungsgruppe


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