Serie: 100 Jahre Langbeinmuseum

Für die Erziehung junger Mädchen - Stickmustertücher



Stickmustertuch


Handarbeit mit Nähen, Sticken, Klöppeln, Stricken war zu allen Zeiten ein wichtiges Betätigungsfeld für Frauen im häuslichen Bereich oder auch eine Verdienstmöglichkeit . Entsprechend wurde hierauf großer Wert gelegt bei der Ausbildung der Mädchen. Mustertücher , die nicht gestickt, sondern auch gestrickt , gehäkelt oder gewebt wurden, dienten zum Erlernen, Üben und Sammeln von textilen Techniken und Mustern. Ergänzt wurden sie auch durch Abbildungen in entsprechenden Musterbüchern. Die ältesten Strickmustertücher lassen sich bereits im 16. Jahrhundert in Deutschland nachweisen. Alte Haushaltsbücher beschreiben ausführlich ihren Sinn und Zweck. Im Langbeinmuseum können zwei sehr schöne Mustertücher gezeigt werden aus dem Jahre 1860 und 1881, die dem Museum aus Hirschhorner Privatbesitz gestiftet wurden. Neben den Mustern für die verschiedenen Buchstaben und Zahlen finden sich auch Blumen-, Tier- und graphische Muster. Die jeweilige Besitzerin hat mit ihrem Monogramm neben der Jahreszahl das selbstgefertigte Tuch quasi signiert.

Entstanden sind die Tücher wahrscheinlich im sog. "Industrieunterricht". Im 1832 erlassenen Edikt des Großherzogtums Darmstadt zum Volksschulwesen wird eine möglichst der allgemeinen Volksschule anzugliedernde Industrieschule gefordert, in der Baum- und Gartenzucht für die Buben, Spinnen, Nähen und Stricken für die Mädchen geübt werden soll. Entsprechendes wurde auch in Hirschhorn umgesetzt. "Schon längst wurde das Bedürfnis einer Industrieschule gefühlt; damit nun die Mädchen an den zwei freien Nachmittagen des Winters in diesem Gegenstande Unterricht erhalten, schlagen wir als Gehalt für eine Lehrerin 25 Gulden vor, 10 Gulden für Wolle zum Stricken für einige arme Mädchen", so lautet ein Kommentar in der Almosenrechnung von 1835, denn die Kosten für den Hirschhorner Industrieunterricht wurden vom Almosenfonds bestritten. Bereits früher hatte man in Hirschhorn schon einen Anlauf zum Industrieunterricht genommen. Der Anregung des gelernten Schneiders und Lehrers Jacob Meßler vom Jahre 1809 war die Gründung einer Obstbaum- und weiblichen Industrieschule zu verdanken (einige Bücher zum Thema Obstanbau aus dem Vorbesitz Meßlers haben sich in der Langbeinsammlung erhalten). Meßlers Frau Barbara wurde Hirschhorns erste Industrielehrerein und damit auch erste Lehrerin in Hirschhorn. Eine Anfrage des Kirchen-und Schulrates im Jahre 1812 zeigt, dass für diesen Unterricht zunächst kein Gehalt erfolgte. Im Winter war kein Holz für den Unterrichtsraum da, arme Eltern konnten kaum Materialien für den Strickunterricht beschaffen. 1813 erhielt Barbara Meßler eine Vergütung von 5 Gulden aus dem Almosenfonds, in den Jahren 1814-21 ein Gehalt von 20 Gulden, 1822 erscheint ihr Gehaltsposten nicht mehr. Einer Anfrage von 1815 zufolge wissen wir, dass der Unterricht über das Stricken hinaus ging - Hemdchen, Stiefelchen, Halstücher wurden hergestellt, ein Arbeitsbüchlein geführt, sogar eine kleine Versteigerung mit den hergestellten Sachen wurde durchgeführt.

Nach ihrer Wiederaufnahme entwickelte sich aus der Industrieschule die Fortbildungsschule, die die schulentlassene Jugend besuchen konnte unter dem Aspekt, "dass außer der Fertigkeit in weiblichen Handarbeiten auch Gesittung und Anstand Zweck und Aufgabe der Industrieschule seyn müssen.." Erste Lehrerinnen in der Hirschhorner Volksschule gab es seit 1853, als erstmals die Lehrerin Anna Maria Leymeister angestellt wurde. Mit den beiden ersten Lehreinnen war man jedoch nicht so recht glücklich: bei Anna Leymeister wurde beanstandet, sie habe ihre vorgeschriebene Prüfung noch nicht abgelegt. Ihr früher Tod 1855 beendete diese Diskussion. Ihre Nachfolgerin Antonia Grünwald brachte eine Reihe Hirschhorner als "äußert leidenschaftlichePerson" gegen sich auf und , nachdem sie z.B. auch im Nebenzimmer mit anderen Lehrern einige Schoppen Apfelwein getrunken hatte oder in Schönau auf der Kerwe war , man in den Wirtshäusern nichts Rühmliches über sie sprach und sie auch dem Pfarrer nachspionierte, wurde sie nach längerer Untersuchung wegen "dienstwidrigem Benehmens" abberufen.. Ab 1860 übernahmen dann zwei Schulschwestern (Walburga- Barbara Gerner, Crescentia- Elisabeth Bender) vom Orden der Schwestern der göttlichen Vorsehung (Mutterhaus Finthen) - Schwestern dieses Ordens wirkten ab diesem Jahr in Hirschhorn und betreuten auch die neue Krankenstation sowie den neu geschaffenen Kindergarten- die Mädchenklassen und auch den Industrieunterricht an der Schule. Bis 1876, als sie im Rahmen des Kulturkampfes durch das Gesetz über die Ausschließung der Ordenspersonen aus öffentlichen Schulen aus dem Schuldienst ausscheiden mussten, haben sie ihren Unterricht zu aller Zufriedenheit gehalten.

Zurück zu unseren Mustertüchern: Das ältere Mustertuch ist in der Zeit entstanden, als die Ordensschwestern den Handarbeitunterricht übernahmen. So hat auch das Christus-Monogramm IHS einen Platz auf dem Tuch gefunden. 1872 wurde der Handarbeitsunterricht an Mädchenschulen planmäßig und obligatorisch eingeführt. Die Mustertücher wurden nun auch primär als Lehrmittel zum Erlernen der einzelnen Sticharten eingesetzt, u.a. auch als Stopfmustertücher, Flickmustertücher, Hemdschlitzmustertücher oder Nähtücher. Eine besondere Rolle spielte stets auch das Buchstabensticken, da man seine Wäschestücke mit Besitzinitialen gerne kennzeichnete. Die Mustertücher werden in der Museumsausstellung ergänzt durch ein schönes ebenfalls gestiftetes Nähkästchen sowie Nähutensilien des 19. Jahrhunderts aus der Langbeinsammlung.



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