Serie: 100 Jahre Langbeinmuseum

Ein jüdischer Teller zum Purim Fest


Die hebräische Bezeichnung bedeutet "Fest der Lose", abgeleitet von dem hebräischen Wort "pur" (Plural: purim). Nach jüdischer Auffassung liegt ihm ein historisches Ereignis zugrunde, welches im Buch Esther überliefert wird. In der Zeit des Königs Ahasveros, der gerne als der Perserkönig Xerxes (485-465 v.Chr.) identifiziert wird, plante der königliche Statthalter Haman die Ermordung aller Juden. Durch das von Haman geworfene Los fiel der Mordtag auf den 13. Adar (der sechste Monat des jüdischen Kalenders, beim Festjahr der zwölfte, entspricht etwa unserem März). König Ahasveros war mit der Jüdin Esther verheiratet. Ihr gelang mit Hilfe ihres Onkels Mordechai die Rettung ihres Volkes. Diese hier beschriebene Rettung vor dem Untergang ließ besonders in Zeiten der Verfolgung die Hoffnung auf Gottes Hilfe zu wie "in den Tagen des Ahasveros" und gab dem Fest eine besondere Bedeutung. In der Synagoge, in der sich zu Purim die Männer ,Frauen und Kinder sammelten, wurde die Rolle mit dem Buch Esther ganz ausgebreitet, vorgelesen ,so dass alle von den Geschehnissen und der großen Tat von Esther und Mordechai gepackt wurden. Immer, wenn beim Vorlesen der Geschichte der Name des Bösewichtes Haman fällt (in den ca. 40 Minuten der Vorlesezeit 47 mal) dürfen die Kinder der jüdischen Gemeinde ihre Purim-Ratsche so schnell ,wie sie können, drehen, was mit dem charakteristischen Klapperton einen ohrenbetäubenden Lärm erzeugt. Auch das Klopfen mit einem Hammer wider Stühle und Bänke oder das Fußstampfen beim Nennen des Bösewichts ist möglich. Da niemand erwartet, dass die Kinder dabei ruhig und still bleiben, ist das Purimfest nicht zuletzt wegen des Ratschenbrauchs bei Kindern sehr beliebt.

Purim ist ein Freudenfest. "Wie an den Tagen, an denen die Judäer sich Ruhe geschafft von ihren Feinden und den Monat, der sich ihnen verwandelt aus Kummer in Freude und aus Trauer in Festtag - sie zu feiern als Tage des Mahls und der Freude und Gaben zu schicken einer dem anderen und Geschenke zu verabreichen an die Dürftigen" (Esther 9,22). Dieser Vers liegt den Sprichwörtern zugrunde: "An Purim, da magst du um Gottes Willen lustig sein", "An Purim ist alles frei". Was das ganze Jahr über religiös nicht erlaubt, verpönt war oder sich aus der jüdischen Lebensituation verbot, war erlaubt, Lustigkeit und Fröhlichkeit sprengten Grenzen religiöser Vorschriften, die es ja im Judentum zur genüge gibt. Schon seit dem Mittelalter ist die Maskerade als Teil des Purim-Brauches überliefert, so dass sich auch unter den Juden wie beim christlichen Karneval, besonders im Italien der Renaissance, Karnevalstreiben und Umzüge mit Spielen einbürgerte. Maskenbälle mit Tanz, Festmähler mit opulenten Speisen und Getränken waren charakteristisch für Juden sephardischer Herkunft. Osteuropäische und deutsche Juden feierten das Purimfest hingegen einfacher. An Purim wird geraucht, es wird Karten gespielt, gewürfelt. Man isst bestimmte Süßwaren, bestimmte Backwaren ("Hammentaschen"), Nüsse, Zuckerwerk. Für die Kinder gehörten Ball-, Kegel-und Nussspiel zu den traditionellen Festfreuden. Wegen der Maskerade wird Purim oft als "jüdische Fastnacht" bezeichnet, wobei sich die Anlehnung an Fastnacht aus dem Brauchtum und aus der Freizügigkeit ergibt, wobei inhaltlich keinerlei Beziehungen bestehen. Das Purimfest, das bereits im 2. nachchristlichen Jahrhundert fest etabliert war, fällt in die Monate Februar/März, ist aber im Kalender gegenüber der christlichen Fastnacht immer verschoben. Von der religiös-historischen Bedeutung des Festes abgesehen, ist heute Purim überwiegend ein Fest der Kinder. Verkleidungen und Purim-Parties sind üblich, in Israel gehören dazu auch Umzüge mit karnevalistischen Kostümen. Mancherorts wird zu Ende des Festes eine Strohpuppe, der Bösewicht Haman, mit einem Freudenfeuer verbrannt.

Im Langbein Museum hat sich ein Zinnteller des 18. Jahrhunderts erhalten, wie er beim jüdischen Purimfest benutzt wurde. Wie er in die Langbeinsammlung gelangte ist unbekannt, ebenso der Name der jüdischen Vorbesitzer. Auf sie weisen zwei Monogramme hin: CPS und IF jeweils mit der Jahreszahl 1777. Aufgrund des Herstellerstempels auf der Tellerrückseite kann er der renommierten Zinngießerei Klingling aus Frankfurt zugewiesen werden. Später wurde er graviert. Ein Hexagramm (als Davidsstern) umschließt einen in drei Feldern geteilten Kreis. Ein Feld ist rautenförmig gegliedert und nimmt hier die Pfälzer Rauten auf, ein weiteres Feld zeigt einen bekrönten Löwen (nicht den Pfälzer sondern den jüdischen Löwen), das dritte das Monogramm CPS 1777 zwischen drei Sternen. Zwischen den Zacken des Hexagramms sind abwechseln Fische und Vögel dargestellt. Den Tellerrand ziert ein verschlungenes Ornamentband mit Blüten, Trauben. Unter einer Krone ist hier das zweite Monogramm IF 1777 eingraviert. Als der Teller 1982 in die Hände des Restaurators kam, war er durch die Zinnpest völlig zerfressen, hatte zahlreiche Bruchstellen und stand kurz vor der Vernichtung. Durch kunstvolle Hände liebevoll restauriert, ist er heute ein besonders schönes Objekt in der Langbeinsammlung und vielleicht auch ein Zeugnis der untergegangenen jüdischen Gemeinde Hirschhorns.



purimteller



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